Die Liebe der Graupapageien - Leseprobe

 

Von Dietmar Zahn und Helga Geiler

Nach einer Idee von Dietmar Zahn

Wien, November 2010

 

 

 

Evas Tagebuch!

 

Hab wieder einen Geburtstag unverheiratet gefeiert. Mit meinen Eltern, und meiner kleinen Schwester Sophie, ihrem Mann und ihren Kindern…schlimmer geht’s ja wohl nicht, hab ich mir in der Früh gedacht … falsch geraten liebe Eva. Denn meine Mama setzte dem ganzen noch die Krone auf: sie hat gejammert und mir wieder Vorhaltungen gemacht … nicht mal an dem Tag kann sie Ruhe geben. Ohne Mann in meiner Nähe und Ring an meinem Finger habe ich anscheinend keinen Wert, bin kein adäquates Mitglied der Gesellschaft. ..was hat sie gesagt: „Eva, Mädel, als ich meinen 30sten Geburtstag gefeiert habe, war der Papa  schon 4 Jahre mein Ehemann und du 3 Jahre alt. Und mit der Sophie war ich schwanger. Wenn du nicht bald wen findest, dann kriegst doch nie einen Mann. Was ist denn mit dir los dass du keinen abkriegst, kannst noch immer nicht gescheit kochen? “

Ich war so fassungslos, dass mir im ersten Moment gar nix eingefallen ist …aber sie hat das anscheinend wirklich ernst gemeint. Papa hat sich dann eingemischt und gemeint, sie soll doch wenigstens heute das Thema lassen… hahaha, als ob ich nicht suchen würde. Aber im Internet sind die Prinzen auch nicht zu bestellen, da zieh ich nur Nieten. Ich muss noch warten. Jeder sucht das Glück bis ans Lebensende und nimmt sich dafür 2 Wochen Zeit. Gut Ding braucht halt Weile: den einen Richtigen. Der mich liebt, mich kennt … der, der mich dann heiratet. Und dann hätte die Mama endlich ihre Enkelkinder und würde mit ihren Vorhaltungen aufhören. Zurzeit kann ich ihr gar nichts recht machen.

 

Egal was ich erreiche, meine Mutter wird nie zu mir aufsehen… aber irgendwie hab ich im letzten Jahr so viel geschafft … ich bin ganz zufrieden. Kann ja eh glücklich sein. Ich wollt endlich eine eigene Wohnung, und die hab ich jetzt. Meine eigenen 4 Wände … wurde auch Zeit. Meine Tierchen lieben mich immer noch, und vielleicht bekomme ich eine Lohnerhöhung. Der Umsatz ist echt um 20 % gestiegen, der Mayer ist ganz begeistert von meinen Verkaufskünsten. Aber irgendwie geb ich die Meisten eh sehr ungern her. Tiere sind halt echt die liebsten Gefährten die es gibt, die Tierhandlung überlebt eh eher durch den Verkauf vom Futter und Zubehör, wenn die Tierchen mal im Haushalt sind. Die Tiere, ich bewundere sie: die betrügen einander nicht, und lieben bedingungslos. Die beiden Grauenpapageien, die putzen sich gegenseitig, jeden Tag ….

Ach was soll’s … meine Mama hat mich heut ganz schön fertig gemacht … wieso kann sie nicht wie ich an die Liebe glauben? Es wird schon mal der Richtige kommen.

 

 

 

Therapiemitschrift Adam Weber

 

Ja danke.. mir geht’s gut.. die Woche war gut. Und wurde heute Morgen perfekt abgeschlossen! Was gibt es schöneres, als nach entspanntem Morgensex in die Arbeit zu gehen. Na ja, dieses 19jährige Model vom Fotoshooting gestern.. ich weiß nicht mal mehr ihren Namen. Hat mich ständig angemacht und wollte sogar Nacktfotos machen.. und das beim ersten Shooting. Sie sagt, sie kann eine Präsentationsmappe ohne Akt niemandem vorlegen, wenn mans heute in dem Job zu was bringen will. Tja, bei mir hat sie´s gebracht.. die ganze Nacht lang!

Na hey.. sie haben ja gefragt und ich soll ja hier alles sagen.. frei und hemmungslos.. das ist ja der Sinn der Sache oder?

Ich mein ich krieg mit 40 solche Girls ab.. das ist einfach geil. Ich fühl mich wie ein 19 Jähriger Student, der es seiner Mitstudentin zwischen zwei Vorlesungen auf dem Klo der Uni besorgt.. wenn sie verstehen was ich meine!

DAS .. ist Leben!!

Sie wollte mich ja dann eh nicht so einfach gehen lassen. Einen Nespresso hab ich dann noch bei ihr runter gekippt. Die paar Minuten hab ich´s schon noch ausgehalten in ihrer kleinen schmuddligen Studentenwohnung. Ich meine,  ja, sie ist ja ganz nett und eine Granate im Bett.. aber hey, Granaten explodieren und reißen dich irgendwann in Stücke. Also versuche ich halt, den Zündmechanismus irgendwie zu umgehen und so schnell wie möglich Abstand zu gewinnen. Ich brauch diese Scheiße nicht mehr!

 

Ach sehen sie sich doch diese bedauernswerten Typen da draußen an! Mit ihren Erektionsproblemen, mit ihren Selbstzweifeln und Unzufriedenheiten.. mit ihren Weibern zu Hause, die sie mit offenen Klodeckeln und Ordnungsfanatismus, mit  Romantikgequatsche und  Einkaufswahn fertig machen.. aber jeder kriegt wohl, was er verdient!

Ich mach da nicht mehr mit.. ich hab mich da ausgeklinkt!


Und das geilste an meinem Job ist, dass ich jeden Tag die schärfsten Frauen vor meiner Kamera hab, die man sich vorstellen kann. Ich bin genau dort, wo ich immer hin wollte.. wirklich.. ich bin echt glücklich. Das bin ich und das ist mein Leben.

Ist nicht mehr dieses beschissene „Einbahnstraßen-Leben“, durch das ich mich vorher gequält hab.. ohne Abfahr- und Umkehrmöglichkeit. Immer dieses blauweiße Schild im Kopf, das mir ständig klar machte.. hey ja.. du bist auf einer Einbahnstraße.. du weißt wo die hinführt..  du hast diese Straße ausgesucht, also beschwer dich nicht. Fahr sie einfach lang, park dich ein, geh in dein gemütliches kleines Häuschen rein und sag: „Schatz, was gibt’s zu Essen!“ .. thats life?

 

Scheiße nein.. das  ist nicht das Leben.. das ist der lebende Tod! Du kannst einfach stehen bleiben, aus der verdammten Karre aussteigen und die Einbahnstraße hinter dir lassen. Die Welt besteht aus wahnsinnig vielen Straßen, die kein vorbeschildertes Ende haben. Straßen die dir nicht ständig sagen, dass sie bald aufhören.

Ich hab’s kapiert.. zur richtigen Zeit. Bin von der Einbahn auf eine 4-spurige Autobahn gewechselt und fahr jetzt ständig auf der Überholspur. Ich lass mich nicht mehr bremsen oder umleiten.. ich fahr und fahr und fahr..  bis der Sprit alle ist oder ich irgendwo rein krach.

Es ist einfach geil, wenn es in deinem Kopf keine Einbahnstraßenschilder mehr gibt!!

 

 

 

Therapiemitschrift Adam Weber

 

Ja, eigentlich geht’s mir ganz gut.

Eva? Hey, mein Leben dreht sich nicht nur um sie!

Warum soll ausgerechnet sie der Schlüssel zu meinem Unterbewusstsein und meinen dort versteckten Gefühlen sein? Sie ist.. war.. nur eine von vielen!

 

Ja.. ich habe sie letztes Wochenende wieder gesehen.. in der gleichen Bar in der ich ihr Max vorgestellt habe. Sie war dort.. mit Max. Aber eigentlich will ich über das nicht wirklich reden.

Warum? Weil ich nicht grad stolz bin auf das, was dort passiert ist. Ich will diese ganze Sache einfach hinter mir lassen, ok!

Hm.. ihre Hartnäckigkeit erinnert mich ein bisschen an Eva, wissen sie!

 

Also ich ging mit Susie nach einem Shooting auf einen Drink ins Charly. Das Shooting war echt gut gelaufen und wir waren in Feierstimmung. na ja.. und da saß Eva mit Max an der Bar. Sie amüsierten sich prächtig, wie ich das erkennen konnte. Da und dort eine flüchtige Berührung, ein verschmitztes Lächeln, ein nervöses Fingerspiel. Ich dachte mir, gut so.. er ist ein netter Kerl und sie verdient einen netten Kerl. Doch ich stellte meine Coolness zunehmend in Frage, als ich mich dabei ertappte, dass ich immer wieder rüber sah. Ich weiß ja auch nicht warum und eigentlich hätte es mir egal sein müssen, was und mit wem sie es trieb. Verstehen sie, es muss mir egal sein, weil ich weiß was passiert, wenn einem jemand nicht egal ist.

Ich weiß, wie es sich anfühlt, jemanden zu verlieren, der einem nicht egal ist. Ich weiß, wie Scheiße das ist, wenn einem jemand weh tut, der einem nicht egal ist. Ich weiß, wie einem das „nicht egal sein“ dazu bringt, dass einem schließlich alles egal ist.

Aber als ich sie da drüben mit Max sah und sie sich küssten, wusste ich plötzlich, dass sie mir nicht egal war. Und das machte mir eine Höllen Angst. Und fragen sie mich jetzt bitte nicht warum.. aber in einem Anfall von mir unverständlicher Eifersucht ging ich rüber zu den Beiden. Max bemerkte mich zuerst und grüßte mich. Als Eva mich sah, zuckte sie unmerklich zusammen und drehte sich mit dem Gesicht zur Bar.

Eigentlich wollte ich wirklich nur Hallo sagen.. konnte mir dann aber ein „Na so schnell ist man vergessen“ nicht verkneifen und schob noch ein „So verliebt kannst du ja nicht in mich gewesen sein“ hinten nach. Daraufhin drehte sich Eva mit dem Blick eines Axtmörders zu mir rum und in Gedanken hatte sie mit der Axt wohl schon meinen Kopf gespalten. Sie fuhr mich an, was ich mir überhaupt einbilde so was zu ihr zu sagen. Einem gefühlskalten Arschloch wie mir sollte das doch vollkommen egal sein, ob und von wem ich geliebt werden würde. Es würde mich sowieso nicht kümmern und sie fände diese Eifersuchtstour jetzt nur peinlich und überflüssig. Scheißegoisten wie ich würden Liebe sowieso nicht verdienen und niemand würde sich etwas um sie scheren. Aber da mir eh alles egal sei, würde mir das wahrscheinlich auch egal sein. Ich weiß nicht mehr, ich hab mir nicht alles gemerkt, was sie da von sich gegeben hat.. nicht, weil es mir nicht schmeckte, sondern weil sie wohl mit allem recht hatte.

Dann ist sie raus gelaufen.

 

Max sah mich kopfschüttelnd an und meinte, was das jetzt gebracht haben sollte und ob ich nicht eh schon genug angerichtet hätte. Es sei ja typisch für meinen Lebenswandel, dass ich es mir wohl mit allen verscherzen würde. Aber ich sollte wenigstens ein guter Verlierer sein und anderen ihr Glück gönnen.

Da hab ich ihm eine gelangt. Ich meine.. der Typ kennt mich nicht wirklich und maßt sich irgendein Urteil an, das ihm nicht zusteht. Ja ok, Eva ja.. sie kann mich beschimpfen, sie kann mir eine runterhauen.. sie hat alles Recht der Welt dazu. Aber nicht dieser schmierige kleine Postkartenfotograf, der glaubt, dass ein freundliches Grinsen alles Leid der Welt beseitigen kann. 

Er hat mich genauso angegrinst, wie Thomas damals, als er mir sagte, dass das ja nichts mit unserer Freundschaft zu tun haben müsse, wenn Katja jetzt mit ihm zusammen sei. Das Erschreckende war aber nicht das, was er gesagt hatte.. sondern dass er es ernst gemeint hatte. Ich habe Thomas damals nicht mal beschimpft, ich hab mich einfach nur umgedreht und bin gegangen.

Aber dafür bekam das jetzt Max doppelt ab. Nachdem ich ihn geohrfeigt hatte, sprang Max vom Barhocker und stieß mich mit den Händen von sich weg, dass ich über einen Tisch stürzte und dann auf den Boden knallte. Und dann waren auch schon die Security Leute da und haben mich ernst aber höflich nach draußen befördert. Und ich hab mich auch gar nicht gewehrt, weil ich ja ohnehin nichts mehr in der Bar verloren hatte. Der Abend war gelaufen.

 

Ich wollte dann zu meinem Auto, musste aber feststellen, dass meine Autoschlüssel verschwunden waren. Die lagen wohl irgendwo zwischen der Theke und dem Tisch, über den ich geflogen war. Ich wollte wieder hinein, aber die Türsteher haben mir meine Schlüsselgeschichte irgendwie nicht abgenommen.

Also bin ich zur Nachtbushaltestelle gegangen, die gleich in der Nähe war.

Und wer saß dort auf der Wartebank.. Eva.. natürlich.

Sie weinte und ich wollte zu ihr gehen, doch sie deutete mir mit einer unmissverständlichen Geste fern zu bleiben. Und ich tat es. Ich überlegte mir kurz, zu Fuß zu gehen oder ein Taxi zu nehmen. Aber das ist ein freies Land und eine freie Bushaltestelle und irgendwie hatte ich auch das Gefühl, dass ich mich zu stellen hatte.

Als der Bus dann kam stieg sie ganz vorne ein und ich hinten. Ich beobachtete sie, wie ihr langes Haar nervös über die Sitzlehne viel und sie es sich dann zu einem Pferdeschwanz zusammenband, weil es ihr anscheinend im Weg war. Ich hatte das Gefühl, dass sie sich zu mir umdrehen wollte, aber sie kämpfte erfolgreich gegen diesen Impuls an.

Dann stand sie auf und ging zum Ausstieg. Sie drückte die Haltetaste und starrte stur durch die Sichtscheiben hinaus. Jedes vorbeihuschende Licht entlockte ihr mehr Aufmerksamkeit als ich.

Doch dann sah sie mich plötzlich durchdringend an. Sie stapfte auf mich zu wie ein Attentäter, der jeden Moment seine Waffe auf mich richten würde. Dann gab sie mir eine Ohrfeige, die wohl schlimmer war, als eine Kugel. Niemand sagte was oder reagierte. Dann umklammerte sie mit beiden Händen meinen Kopf und küsste mich auf den Mund. Sie drückte mir den Kuss so pressend auf die Lippen, als würde sie mich ersticken wollen. Sie schmeckte salzig, weil sich ihre Tränen in den Kuss mischten.

Dann hat sie sich wieder losgerissen und ist ausgestiegen, als der Bus angehalten hat.

 

Was ich dabei empfunden hab?

Ich weiß es nicht.. wie kann man ein Gefühl beschreiben, das irgendwo zwischen Erleichterung und Trauer angesiedelt ist. Denn genau das hab ich empfunden. Ich wollte sie irgendwie nicht gehen lassen.. aber irgendwie war ich auch froh, dass sie ging. Das ist so wie mit Kindern, verstehen sie.. man ist froh, dass man welche hat, und doch fragt man sich oft, ob man nicht besser ohne sie dran wäre. Das ist denke ich ein unlösbarer Konflikt.. und so ist es wohl mit der Liebe auch. Sofern ich bei mir von Liebe sprechen kann.

Nein, das ist kein Selbstmitleid.. das ist eine Selbsterkenntnis. Das zeigt mir doch dieses Dilemma oder? Ich meine, für jeden anderen wäre es doch ein leichtes eine Frau wie Eva zu lieben.. sie hat alle Voraussetzungen dafür. Also was hält mich davon ab? Dass sie es mir zu leicht macht? Das ich Dinge, die mir in den Schoß fallen nicht schätzen kann? Dass ich undankbar bin?

Bin ich wirklich so ein egozentrischer Arsch?

 

 

 

Evas Tagebuch

 

Der Vormittag war zäh. Ich bin verkatert. Ich war im Charlys. Ich hab versucht das Elend zu ertränken und im Endeffekt habe ich heute Nacht nur eine kräftige Ohrfeige vom Schicksal bekommen. Es tritt mich. Das Leben lacht mich aus. Ich hab im Charlys diesen Max wieder getroffen, den Freund von Adam. Der Max war die ganze Zeit an meiner Seite. Trank mit mir. Bestellte den ersten, den zweiten und den dritten Tequilla. Und auch den Vierten und den Fünften. Er sprach nicht viel mit mir. War nur da. Hat seine Hand auf meinen Rücken gelegt. War eigentlich ganz angenehm, wenn ich so drüber nachdenke, leider haben die folgenden Ereignisse letztendlich den Abend wieder mal dominiert

 

Denn plötzlich stand Adam vor mir. Mit der Langbeinigen, mit der ich ihm damals im Auto erwischt hatte. Ich war komplett irritiert. Und begann ganz zärtlich Max zu küssen. Wollte irgendwas tun, agieren, nicht die sein die leidet und stumm da steht, nicht wieder die Opferrolle einnehmen. Nicht schon wieder. Und meine Fingerspitzen berührten Max`s Wange, und meine Lippen die seinen. .. ganz zärtlich. Einen Sekundenbruchteil vergaß ich was war. Eine Sekunde konnten Max´s Lippen mich von der Realität entführen. Aber gleich darauf spürte ich Adams Blicke, wie Nadeln. Er starrte mich an. Er stellt sich ganz nah zu mir … nein, der drängte sich förmlich zwischen mich und Max. Und dann hat’s mir gereicht. Ich hab alles ausgeschüttet und alles gesagt, was mir wehtut, was in mir brodelte: Dass jetzt er mal wie Scheiße behandelt wird und nicht umgekehrt. Das jetzt mal ich ihm das Gefühl gebe nichts wert zu sein. Ich hab ihm gesagt, dass Max sinnlicher ist, besser küsst. Zärtlicher ist. Ich hab ihn vor allen Leuten ins Gesicht gesagt, dass er ein lausiger Liebhaber ist. Ich hab ihm vor allen Leuten gesagt, dass er es nie kapieren wird. Ich habe ihn beschimpft und angeschrieen, dass er ein schlechter Vater ist, dass er nichts auf die Reihe bringen wird. Ich hab alles raus geschrieen was in mir war. Habe ihm gesagt, dass er allein sterben wird, einsam, Mutterseelenallein. Wenn er niemanden zu sich lässt. Wenn er so ein Arsch bleibt. Keine wird sich um ihn scheren, wenn er tot ist, wenn er weg ist. Keiner seiner namenlosen Weiber. Keine die er fickt wird sich an ihn erinnern. Alles hab ich ihm gesagt. Alles. Bis ich nicht mehr konnte. Schreiend und heulend bin ich dagestanden. Und dann bin ich raus gerannt.

 

Ich wollte alles hinter mir lassen. Nichts mehr fühlen, nichts mehr sehen. Nichts mehr wissen. Ich wollte einfach weg. Hinaus. Und von dem „Charlys“ habe ich gekotzt, mir die Seele rausgekotzt. All meine Gefühle. All mein Leid, all meine Hoffnungen, meine Träume. Ich konnte nicht mehr. Konnte nichts mehr sagen. Konnte seinen Anblick nicht mehr ertragen. Ich habe mich leer gefühlt. Wollte nichts mehr spüren von der Liebe. Von der Hoffnung. Was bildet er sich ein. Was glaubt er eigentlich wer es ist. Erst nach einigen Minuten habe ich mich wieder gefangen. Mir die Träume aus den Augen geweint. Aus. Ich konnte nicht mehr. Ich wollte nur heim. Nur weg. Bin gleich zur Nachtbushaltestelle.

 

Und ausgerechnet dort ist Adam auch hingekommen.

Ich konnte nichts mehr sagen. Ich konnte ihm nichts mehr mitteilen. Nicht noch was. Wortlos sind wir nebeneinander gestanden. Wortlos sind wir in den Bus eingestiegen. Er saß weiter hinter und ich spürte seine Blicke auf der Haut. Hat kein Wort gesagt. Nichts getan. Er ist immer noch unfähig gewesen zu reagieren, auf all meine Worte was zu erwidern. So ein Arsch. Als ich aussteigen wollte und den Halteknopf drückte, bin ich zu ihm hin. Ich hab ihm einfach eine Ohrfeige gegeben. Für all die Verletzungen. Er kapiert es nicht. Er sitzt vor mir wie ein kleines Kind. Ein kleines unfähiges Kind, anstelle wie ein Mann zu handeln, anstelle was zu tun. Er hat mich einfach nur angeschaut. Gelähmt. Ich weiß nicht was in ihm vorgegangen ist. Wo er in seinen Gedanken war. Was er wollte, was er hoffte. Ich wusste es nicht. Ich legte meine Hand auf seinen Nacken. Und küsste ihn innig und intensiv. Ich wollte ihm zeigen, dass er zu mir gehört. Mich haben kann wenn er will. Aber er tat nichts und sprach nichts. Sah mich nur an …. Er konnte die Nähe einfach nicht zulassen, nicht zu mir kommen, mich nicht lieben. Er war innerlich tot. Ausgelaugt. Ich habe gewartet. Sekunden die zu Stunden wurden. Auf eine Reaktion. Auf ein „Bleib…“ Auf ein „Ich liebe dich“. Aber da kam nichts. Da würde auch nichts kommen. Da ist nichts in ihm, das fähig zu einer Emotion ist. Nichts in ihm, das sehen kann, dass es wer gut mit ihm meint. Das da nichts Bedrohliches ist. Da war nichts dass sich traut, Liebe zuzulassen. Ich drehte mich um, stieg aus dem Bus und ging nach Hause.

 

Und jetzt sitze ich da, starre Löcher in die Luft. Halte verkrampft den Stift zum schreiben. Und bin genauso unfähig, genauso gelähmt und ohne Plan, wie er es gerade war. 

 

 

 

Evas Tagebuch

 

Habe den gestrigen Tag immer noch nicht hinter mir. Bin voll von unerklärbaren Fragen. Bin voll von Schmerz. Was soll das. Was hat das alles für einen Sinn. Max hat eine SMS geschickt. Er will die Tage mal mit mir frühstücken gehen.

 

 

 

Therapiemitschrift Adam Weber

 

Was soll ich ihnen erzählen?

Ich habe einiges zu tun.. die Aufträge laufen gut. Nächste Woche mache ich ein Shooting für die Vogue.. das bringt gutes Geld und vor allem gute Werbung.

Was heißt, ich klinge nicht begeistert?  Mir geht’s echt gut. Ich meine, ja, es kann immer besser gehen. Aber sie haben ja gesagt, dass ich lernen muss, mich und alles was mich umgibt anzunehmen.. in positiver wie in negativer Hinsicht. Also tu ich das auch.. also ich versuch`s.

 

Nein, ich habe keinen Kontakt mehr zu Eva. Ich habe versucht, sie zu erreichen. Sie geht nicht ran, wenn ich anrufe und ruft auch nicht zurück. Sie antwortet nicht auf SMS oder E-Mails. Ich war ein paar Mal bei ihr im Laden, aber sie war nicht da. Vielleicht hat sie sich auch verleugnen lassen, ich weiß es nicht.

Warum ich den Kontakt suche?

Ob ich mir nicht mehr selbst genüge?